Reif für die Insel …

Reif für die Insel …

… war unsere Landesgruppe am 15. November. Rügen als größtes deutsches Eiland ist die Insel der Vielfalt. In geologischer Hinsicht führte eiszeitliche Formgebung zu starker Zergliederung in Inseln, vorspringende Halbinseln und Landspitzen.
Wasserseitig ist nicht nur die offene Ostsee von Bedeutung, sondern auch zahlreiche Meeresbuchten, Bodden und Wieke sowie der Strelasund als Wassergrenze zum Festland. Die Insel kann sich auch von einer sehr hügeligen Seite zeigen.
Die höchsten Erhebungen sind die bekannten Kreidefelsen im Nationalpark Jasmund, welche mehr als 150 m aus dem Wasser ragen. Gemeinsam mit dem gewaltigen Buchenbestand des Nationalparks tragen sie den Status eines Weltnaturerbes.

Manche dieser „erhabenen“ Standorte sind traditionell mit Leuchttürmen als nautische Landmarken bestückt. Die bekanntesten Bauwerke befinden sich auf dem Hiddenseer Dornbusch und am Kap Arkona.
Unsere heutigen Erkundungen widmen sich zwei anderen Leuchttürmen der Insel. Die Stichworte sind Fermentation und Getreideveredlung.

Es ist Samstag. Wir brauchen heute Zeit und werden uns selbige auch nehmen. Daher ist unser Jahresend-Vereinstreffen als Familientag ausgestaltet. Die Anreise vom Festland erfolgt auf Schiene oder Straße und führt uns aus Stralsund kommend zunächst ins Amt West-Rügen mit seinen insgesamt 11 Gemeinden. Die bekannteste davon ist die Gemeinde Insel Hiddensee.

Unser erster Halt erfolgt in Rambin. Seit einer Dekade agiert hier die Rügener Insel-Brauerei erfolgreich in Sachen Bier. Es ist unser zweiter Besuch. Kurz nach der Eröffnung vor zehn Jahren waren wir das erste Mal hier. Damals wie heute werden wir vom Gründer und Inhaber der Brauerei Dipl.-Braumeister Markus Berberich begrüßt und herzlich in Empfang genommen. Die „Insel der Vielfalt“ gilt auch in puncto Bier. Mit zwölf Seltenen Bieren im ersten Jahr gestartet ist der Lagerverkauf der Brauerei hier vor Ort mit derzeit zwanzig eigenen Kreationen ausgestattet. In Kombination mit diversen Verpackungs- und Gebindevarianten oder fertig konfektioniert als Geschenkartikel benötigt manch ein Besucher etwas Zeit zur Orientierung ob der Fülle an Verkaufsartikeln. Kein Problem. Zur Überbrückung der Bedenkzeit fließen aus den fünf Zapfhähnen dauerhaft Hell, Pils und Weizen sowie wechselnde Saison- und Aktionsbiere. Seit heute ist der Hiddenseer Winterbock am Hahn, welcher von uns dann auch erkennbar häufig frequentiert wird.

Rückblick und Vorausschau von Markus Berberich sowie die nachfolgende Brauereiführung geben einen umfassenden Einblick in die Entwicklung des Unternehmens. Die Wortschöpfung „Seltene Biere“ verdeutlicht die Mission der Insel-Brauer: das Brauen wenig bekannter genussvoller Bierstile. Die Inspirationen für diese Eigenkreationen kommen aus der Historie oder aus Regionen außerhalb Deutschlands mit zwar anderer, aber ebenso traditions- und genussreicher Bierkultur.

Veränderte Markt- und Rahmenbedingungen, internationale Verwerfungen und Konflikte, steigende Energie- und Rohstoffkosten, Planungsunsicherheit und Kaufzurückhaltung. Diese Einflüsse sind auch hier auf der Insel spürbar. Ihnen muss mit flexiblem und klugem Handeln Rechnung getragen werden. Daher haben die Rügener Bierenthusiasten unter der Überschrift „Handwerkliche Braukunst“ ihre Brautätigkeit mit der Marke „Hiddenseer“ in den Bereich der klassischen Bierstile erweitert. Die Handwerklichkeit ist erkennbar am Einsatz von Tennenmalz und Doldenhopfen. Offene Gärung in flachen Gärwannen ist obligatorisch und selbstverständlich die Naturbelassenheit der Biere durch die Flaschenreifung, die jede Flasche durchläuft. Und seit letztem Jahr auch jedes Fass.

Für Landesgruppenmitglieder, die schon zum zweiten Mal hier sind, sind die größten Veränderungen auf dem Brauereirundgang sofort augenscheinlich. Erweiterungen der Gär- und Lagerkapazität, Entalkoholisierungsanlage, Erweiterung und Automatisierung der Abfüllung.

Zurück vom Rundgang folgt eine Stärkung mit Wildgulasch aus heimischer Rügener Jagd, bevor uns der Charter-Bus zum Südost-Zipfel der Insel ins Biosphärenreservat auf die Halbinsel Mönchgut zu unserer heutigen zweiten Halbzeit chauffiert.

Das Reddevitzer Höft ist eine 5 km lange Landzunge, die in den Greifswalder Bodden hineinragt. Hier ist die Welt scheinbar zu Ende. Wer Ruhe sucht, wird hier fündig. Die Sonne beleuchtet heute die Weite aus Wasser und Land in warmen Orange-Tönen und weist uns den Anstieg hinauf zu einem 1904 ursprünglich als Hotel errichteten Gebäude. Kapitän Kliesow hatte damals ein feines Näschen für die Bedürfnisse lärm- und stressgeplagter Großstädter und erkannte die heilsame Wirkung intakter Natur. Auf die Enteignung in der DDR folgte nach der Auflösung derselben die Rückübertragung des Familienbesitzes an Familie Kliesow. Destillateurmeister Thomas Kliesow eröffnete hier 2004 die Hofbrennerei „Zur Strandburg“. Die Herstellung von Whisky war von Beginn an Hauptaugenmerk. Im Jahr 2020 firmierte das Unternehmen um zur Störtebeker Brennerei, deren Gäste wir heute erstmalig sein dürfen.

Herzlich begrüßt werden wir bei unserem Besuch in Alt Reddevitz von Geschäftsführer Karsten Triebe. Verstärkt durch Mitarbeiter Christian Rusch begeben wir uns auf den Rundgang durch alle Räumlichkeiten der Brennerei inklusive des 2024 in Betrieb genommenen Warehouse. Der Einfluss der Seeluft ist in diesem komplett aus Holz errichtete Reifelager ebenso wie bei der offenen Gärung in der Insel-Brauerei gegeben. Hier und im Keller der Brennerei lagern die Whisky-Schätzchen, deren älteste Vertreter inzwischen ein Alter von mehr als 15 Jahren aufweisen. Sowohl vorbelegte Fässer zum Finishing als auch Neufässer kommen zum Einsatz. Neben amerikanischer Weißeiche werden immer häufiger Fässer aus mecklenburg-vorpommerscher Küsteneiche für die frischen Destillate verwendet. Wenn der Brennsud dann noch aus heimischen Rohstoffen gefertigt wird, ist die Regionalität komplett. Die Störtebeker Braumanufaktur als Schwesterunternehmen braut und vergärt diese Brennsude mit derselben Sorgfalt, die auch allen Bieren dort zuteil wird. Beste Voraussetzungen für sehr saubere und bekömmliche Destillate. Bei speziellen Kleinstchargen historischer Getreidesorten kommen auch wieder die Kollegen der Insel-Brauerei ins Spiel. So wurden beispielsweise schon Sude mit Marienroggen oder alte Gersten wie Hannah oder Chevallier partnerschaftlich verarbeitet. Man darf auf die endgültigen Ergebnisse gespannt sein, dauert doch die vorgeschriebene Mindestreifezeit im Holzfass für Whisky 3 Jahre und ein Tag.

Im Anschluss an unseren Rundgang findet unser Finale im Brennerei-Shop statt. Wir dürfen unsere sensorische Neugier mit frei wählbaren Verkostungsproben befriedigen. Diverse Spielarten von Whisky, Rum, Getreidebränden, Geisten und Likören verkörpern das umfangreiche Sortiment. Einige Flaschen finden selbstverständlich den Weg in unsere Einkaufskörbchen bevor wir uns verabschieden und auf den Heimweg begeben.

Ein hochinformativer und lehrreicher Tag mit unberührter Natur, schönem Wetter und reichlich Frischluft geht zu Ende. Der herzliche Dank unserer Landesgruppe geht an unsere beiden heutigen Gastgeber Markus Berberich und Karsten Triebe.

 

Frank Lucas

 

veröffentlicht: 19.01.2026

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