Landpartie mit vielen Körnchen Wahrheit

Nach dem gelungenen sommerlichen Familientag in Kühlungsborn stand für den September unsere Studienfahrt auf dem Plan. Infolge der wieder eingeleiteten restriktiveren Maßnahmen zum Infektionsschutz in Richtung kühlere Jahreszeit mussten wir leider auch dieses Jahr die Studienfahrt wieder absagen. Eine Ersatzveranstaltung war glücklicherweise schnell organisiert und so trafen sich 22 Teilnehmer unserer Landesgruppe am letzten Freitag im September in Biestow vor den Toren Rostocks zu einem Herbst-Stammtisch. Mitten im alten Dorfkern direkt neben der Kirche befindet sich die Gastwirtschaft „Zum Bauernhaus“ – ein hinlänglich bekanntes und beliebtes Ziel der Rand-Rostocker, die es auch fußläufig erreichen können. Wirtin Marianne Niekrenz ist Mitglied unserer Landesgruppe und betreibt das historische denkmalgeschützte Haus mit der über 250-jährigen gastronomischen Tradition. Ihr haben wir sehr zu danken für die unkomplizierte und schnelle Organisation unserer notwendigen Planungsänderung.

Unser ländlicher Treffpunkt und die Namensgebung „Bauernhaus“ schlagen den Bogen zu unserer heutigen Stammtisch-Thematik: Es dreht sich ums Braugetreide. Die kurzfristige Absage des eingeplanten Referenten eines Saatgutunternehmens irritiert uns nur ganz kurz. Unser zweiter Gast ist ein Landwirt von echtem Schrot und Korn und kann mit seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz, dem Blickwinkel des Praktikers und einer gehörigen Prise Humor und Unterhaltungstalent die entstandene Lücke im Programm sofort vergessen machen. Wilfried Lenschow ist geschäftsführender Vorstand der Agrargenossenschaft Bartelshagen I bei Marlow (tatsächlich gibt es auch noch ein Bartelshagen II in 20 km Entfernung). Der 63-jährige Vollblutbauer hat sein Rüstzeug als Diplom-Agraringenieur an der Universität Rostock erworben und leitet seit 1991 den Betrieb, der aus einer LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) hervorgegangen ist. Die 30 Mitarbeiter und 3 Lehrlinge bewirtschaften 3.300 ha Nutzfläche. Hauptstandbeine beim Ackerbau sind der Anbau von Getreide, Winterraps, Vermehrungsgras sowie Lupinen und 600 ha Grünland als Futtergrundlage für die eigene Milchvieh- und Mutterkuhhaltung mit Weidegang. Unser Interesse gilt besonders dem Anbau von Winterbraugerste auf 230 ha in einer Direktvermarktungsbeziehung mit der Rostocker Mälzerei von Malteurop Deutschland. Für die Landwirte hat der Anbau nicht nur eine marktökonomische Relevanz, sondern passt sich auch hervorragend in die Fruchtfolge des Betriebes ein und entzerrt dadurch Arbeitsspitzen. Zudem trägt die gegenüber anderen Getreidearten anspruchslosere Kultur Gerste auch zur Reduzierung von Stickstoffdünger und Pflanzenschutzmitteln in der betrieblichen Gesamtbilanz bei. Denn Landwirtschaft und Umweltschutz gehören für Wilfried Lenschow zusammen – ja, sie bedingen einander geradezu. Kein ehrbarer Landwirt denkt kurzfristig, da er sich seine eigene Zukunft zerstören würde. Der Boden ist sein Kapital. Die derzeit inflationär viel beschworene Nachhaltigkeit gehört schon immer zu den Grundlagen der guten landwirtschaftlichen Praxis. Weil allerdings weniger als 2% der Bevölkerung nur noch unmittelbar mit Landwirtschaft direkten Kontakt haben, wird dieser Sachverhalt immer mehr verdrängt. Würde man ausschließlich den überwiegend alarmistischen Meldungen der reichweitenstarken Medien Glauben schenken, wären deutsche Landwirte außerhalb des Biolandbaus geldgierige Tierquäler, Wasserverseucher, Bodenvergifter sowie Insekten- und Klimakiller. Dass unsere Landwirte aufgrund ihrer immer geringer werdenden Zahl mit ihren Anliegen und Argumenten auch immer weniger Gehör finden, ist eine zwangsläufige Entwicklung. Trotzdem sorgen sie Jahr für Jahr für eine sichere Versorgung mit Nahrungsmitteln und einen reich gedeckten Tisch. Seit Jahrzehnten ist dies für uns eine Selbstverständlichkeit. Eine Meisterleistung angesichts der Tatsache, dass täglich (!) in Deutschland mehr als 60 ha landwirtschaftliche Nutzfläche aus der Bewirtschaftung genommen werden für Infrastrukturprojekte, Ausgleichs- und Kompensationsflächen, Wiedervernässungen, Renaturierungen, Naturschutzzonen, Wohnsiedlungen, Gewerbegebiete, Windkraftanlagen, Solarparks etc. Wer also eine intensive Landwirtschaft ohne Nahrungsmittelknappheit ablehnt, muss gleichzeitig auch die Frage beantworten, wo die Flächen für eine ausschließlich extensive Landwirtschaft herkommen sollen, wobei die oberflächliche Abgrenzung von Biolandbau und konventioneller Landwirtschaft im Grunde töricht ist. (Genauso wenig zielführend ist es übrigens Craft-Bier von herkömmlichem Bier abgrenzen zu wollen. Es ist ein und dieselbe Leidenschaft für sein Produkt und seine Berufung, sowohl als Bauer als auch als Brauer.)

Gute landwirtschaftliche Praxis, das ist es! Bei Wilfried Lenschow und seinem Team kann man es anschaulich nachvollziehen. Das Futter für die Rinder wird selbst angebaut, die Lupinen liefern das benötigte Eiweiß als Kraftfutter und machen einen Einsatz von Sojaextrudat entbehrlich. Bis zu 20 m breite Schutzstreifen an Bächen, Gräben und Söllen vermeiden den Eintrag von Düngemitteln in die Gewässer bei den hier vorherrschenden durchlässigen Sandböden. Breite Fruchtfolgen, punktgenaue Gülleausbringung mit modernster Technik, die Nichtbeseitigung von natürlichen Söllen und Teichen auf den Feldern, Grasmahd erst nach der Jungenaufzucht der Feldlerche als Bodenbrüter, Einfluggelegenheiten für Mehl- und Rauchschwalben in die Ställe als natürliche Fliegenfänger und viele weitere Maßnahmen fördern die biologische Vielfalt. Der WWF zeigte seine Wertschätzung für diese Arbeit mit der Auszeichnung der Agrargenossenschaft als nationalen Sieger des „Baltic Sea Farmer Award 2019“ – als erstem konventionellen Betrieb überhaupt!

Ehrenamtlich betreut Wilfried Lenschow auch Storchenhorste in der Region, zählt Jungvögel und unterstützt die Beringer vom Naturschutzbund. Zudem ist er als Jäger auch verantwortlich für die Hege und Pflege von Wild und Wald.

Der Landwirt könnte noch stundenlang weiter berichten und wir könnten auch noch stundenlang aufmerksam zuhören – allein der Tag ist zu kurz und neigt sich dem Ende. Das von der Hanseatischen Brauerei gesponserte Rostocker Bier war ein angenehmer Begleiter unseres Landpartie-Abends und auf dem „Bauernhaus“-typischen rustikalen Grillbuffet waren mit Kartoffeln und Schweinefleisch auch sehr traditionsreiche Mecklenburgische Agrarprodukte vertreten.

Übrigens, der allseits bekannte Spruch vom Bauern und seinen Kartoffeln bleibt auch nach diesem Abend das, was er schon immer war: Nur ein Spruch!

Frank Lucas