Schweriner Erbaulichkeiten

Bevor im Dezember mit dem Advent eine Phase des Lichts, aromatischer Düfte und innerer Wärme beginnt, müssen wir alljährlich eine Zeit mit Nasskälte, Trübnis und Dämmerlicht durchleben. Volkstrauertag und Totensonntag geben noch eine gehörige Portion Schwermut mit dazu und fertig ist die Rezeptur für den November, den Heinrich Heine in seinem Wintermärchen als „traurigen Monat“ bezeichnete. Samstag der 23.11.2019 ist ein solcher durchschnittlicher Novembertag in Schwerin. Wir sind an unserem Familientag aber guter Stimmung und bestens gewappnet mit einem erbaulichen Programm.

Unser nachmittäglicher Treffpunkt liegt am Schweriner Ziegelsee. Der Schall-und-Schwencke-Weg ist benannt nach den beiden Gründern der gleichnamigen ehemaligen Brauerei hier am Standort. Der Straßenname existiert erst seit 2014 und Initiator der Namensgebung ist Ulrich Bunnemann, mit dem wir hier verabredet sind. Herr Bunnemann ist Tischler, Architekt und Bauunternehmer. Als Geschäftsführer der Schelfbauhütte zeichnet er verantwortlich für die Umgestaltung, behutsame Sanierung und Errichtung eines neuen Stadtteils auf dem 37.000 m² großen ehemaligen Brauereiareal. Bier ist hier durchgehend von 1867 bis 1995 aus den Hähnen geflossen, dann war Zapfenstreich. Fünfzehn Jahre Dornröschenschlaf ließen die Gebäude verfallen und Dächer undicht werden. Graffiti wurden mehr, intakte Scheiben weniger und aus Sträuchern wurden Bäume. Nach einem nicht ganz legalen Sprung über den Bauzaun der Industriebrache und bewaffnet mit einer Kamera begann für Ulrich Bunnemann 2010 das Abenteuer „Alte Brauerei“. Ein Jahr später hat die Schelfbauhütte das Gelände erworben und entwickelt seitdem die Vision eines ökologischen Stadtteils in der Schweriner Schelfstadt / Werdervorstadt. Geschätzte 90 Mio. Euro wird man investieren müssen – ohne Fördermittel!

Die Schelfbauhütte vereint Architektur- und Bauleistungen aus einer Hand und sieht sich in der Tradition der einstigen Dombauhütten, bei denen Baumeister und Handwerker ebenso Hand in Hand arbeiteten. Das Unternehmen hat seine Kernkompetenzen in Sanierungen denkmalgeschützter Gebäude und nachhaltigem Bauen in Holzsystembauweise. So entsteht in Schwerin mit dem Projekt „Alte Brauerei“ Deutschlands größte mit Baustroh gedämmte Siedlung. Hier mit einem eigens von der Schelfbauhütte entwickeltem System auf der Basis von Roggenstroh. Das Baumaterial stammt ganz aus der Nähe aus der Gemeinde Qualitz. Vorher schon an Nachher denken lautet die Devise und so wird schon bei der Planung an die Wiederverwertung der Baustoffe beim Abriss nach dem Ende der Nutzungsdauer gedacht. „Cradle-to-cradle“ nennt sich dieser Ansatz einer konsequenten Kreislaufwirtschaft. Diese Pionierarbeit wird belohnt. Verschiedene Preise und erfolgreiche Teilnahme an Wettbewerben zeugen vom Können der Baufachleute. Der jüngste Erfolg ist der Sieg beim Bundeswettbewerb HolzbauPlus 2018 für den Wohnungsbau des ehemaligen Sudhauses auf der Alten Brauerei.

Auf unserem Rundgang können wir den aktuellen Stand dieses langfristigen Projektes in Augenschein nehmen. Fünf Objekte sind bis jetzt realisiert und beherbergen Miet- und Eigentumswohnungen, Gewerbeeinheiten sowie eine Arztpraxis. Der Firmensitz der Schelfbauhütte befindet sich jetzt ebenfalls auf der Alten Brauerei. Vielfältige Ideen für den weiteren Fortbau sollen noch umgesetzt werden, so z. B. altersgerechtes Wohnen, studentisches Wohnen, Kulturhalle, Einzelhandel oder auch eine Ferienwohnung im ehemaligen Trebersilo! Gastronomische Einrichtungen sind ebenfalls geplant, auch eine kleine Brauerei. Noch gibt es keinen Betreiber dafür, Interessenten sind herzlich willkommen!

Nach diesen im wahrsten Wortsinne erbaulichen Erkundungen am Ufer des Ziegelsees erwartet uns jetzt der Abend mit Erbaulichem für die Seele. Nach den durchweg positiven Rückmeldungen zu unserem ersten Theaterbesuch 2017 folgt heute der zweite Akt mit der Gluck-Oper „Orpheo ed Euridice“ im Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin. Zuvor ist aber eine Stärkung im Steakhouse notwendig, bei der wir eine überaus fachkundige Einführung in den Opernstoff und die Musik erhalten. Unser Schatzmeister Knut Lamprecht hat uns als Musikfreund und Abonnementinhaber des Staatstheaters optimal auf den Abend eingestimmt. Mit diesem Hintergrundwissen können wir uns noch entspannter dem Kunstgenuss der 1762 in Wien uraufgeführten Oper und Glucks Musik zwischen Spätbarock und Frühklassik widmen.

Ein erbaulicher Familientag neigt sich dem Ende. Wir haben insbesondere unserem Beiratsmitglied Frank Zimmermann für die Koordination der Führung auf der Alten Brauerei zu danken sowie Knut Lamprecht für die kleinteilige Organisation des Theaterbesuchs.

Nach der Vorstellung haben wir noch zusammen Zeit und Gelegenheit, den Samstag bei dem einen oder anderen Getränk entspannt ausklingen zu lassen, denn viele Mitglieder hatten den Familientag gleich mit einer Übernachtung in Schwerin verbunden. Und die kommende Adventszeit sendet auch schon einen wärmenden Gruß herüber, denn in Schwerins Innenstadt wird gerade der Weihnachtsmarkt aufgebaut.

 

Autor: Frank Lucas