Technikertagung 2019 der Landesgruppe Württemberg

Technikertagung 2019 der Landesgruppe Württemberg


„Aus der Praxis, für die Praxis“ – so konnte das Motto für die 1. Technikertagung der Landesgruppe Württemberg Ende Januar lauten. In den Tagungsräumlichkeiten des Brauer-Internats in Ulm trafen sich auf Einladung der Landesgruppe Württemberg, auch Mitglieder aus Baden sowie Schüler der aktuellen Braumeisterklasse. Zwei Tage wurden fast 70 aktive Mitglieder und 19 Meisterschüler acht Fachvorträge zu den Themen Sudhaustechnik, kieselgurfreie Filtration und Verfahren zur Herstellung alkoholfreier Biere präsentiert. Nicht zu kurz kam sicherlich auch der Gedankenaustausch und persönliche Kontakt in den Tagungspausen und beim gemeinsamen Brauerabend in der Kantine des Brauer-Internats. Unser besonderer Dank geht an das Ehepaar Rudolph nebst Team für die familiäre Atmosphäre, die tolle Verpflegung während des gesamten Tagungszeitraums.
Der Landesgruppenvorsitzende Ralph Barnstein begrüßte die Teilnehmer und erläuterte den Tagungsablauf. Auf die Frage, wer seine Schulzeit in Ulm verbracht hatte  gab es sehr viele Fingerzeige, die verdeutlichen welchen Stellenwert Ulm als Ausbildungsort für Brauer und Mälzer und Braumeister hat. Lorenz Schulte, Schulleiter der Ferdinand-von-Steinbeis-Schule, ließ es sich nicht nehmen die Teilnehmer persönlich willkommen zu heißen. Dass junge angehende Braumeister die Möglichkeit wahrnehmen und diese Veranstaltung als Weiterbildung nutzen wird seitens der Schulleitung begrüßt, dies bestätigt die Organisatoren in Ihrem Tun.  
Matthias Mühlenhoff, Viessmann Industriekessel, eröffnete den ersten Tagungstag mit dem Vortrag Energieeinsparung - Betriebskosten-Einsparung beim Dampfkessel. Nach eine kurzen Firmenpräsentation erläuterte Herr Mühlenhoff die Baugruppen einer modernen Dampfkesselanlage, deren Nutzen und Besonderheiten und was bei einer Neuinvestition zu beachten ist. Anhand von zahlreichen Praxisbeispielen bekamen die Teilnehmer einen Einblick, welche Möglichkeiten der Energieeinsparungen Optimierungen an verschiedenen Gruppen auch ältere Dampfkesselanlagen zu erzielen sind und wann der ROI bei nötigen Investitionen erreicht wird.
Alternative Möglichkeiten zur kieselgurfreien Filtration präsentierten die Vortragenden der
Firmen Erbslöh, Geisenheim und Pentair Südmo GmbH Riesbürg. Ein Verbot der Kieselgurausbringung auf landwirtschaftliche Flächen und der somit verbundenen teuren Entsorgung auf Deponien trägt zur Entwicklung und Verbreitung dieser „neuen“ Verfahren bei. Auch der gesundheitliche Aspekt bei der Anwendung, nämlich kristalline Bestandteile,  die Lungenbläschen schädigen, werden wohl die Nutzung der Kieselgur weiter negativ in den Focus rücken. Falko Betzl erläuterte nach einer kurzen Firmenpräsentation den Ansatz aus dem Hause Erbslöh. Erbslöh, ein „Vollsortimenter“ rund um die Stabilisierung und Filtration setzt hier auf eine Mischung aus Cellulose und Perlite, die in die bestehenden Anschwemmfilter implementiert werden. Vorteil ist, dass ein altbekanntes, und schon etabliertes Verfahren, die Anschwemmfiltation, ohne Investitionskosten weiter genutzt werden kann. Auch Praxisergebnisse zeigen hier sehr gute Werte für die normal üblichen Filtrationswerte wie Trübung, Druckanstieg und Filterstandzeit, was zu einer verbesserten Wirtschaftlichkeit führt. Eine Entsorgung der VarioFluxx PreCoat Produkte kann über die städtische Kläranlage oder in Biogasanlagen erfolgen, und ist somit eine echte Alternative zum Einsatz von Kieselgur.
Die Bierfiltration ohne Filterhilfsmittel erläuterte Michael Lipp aus dem Hause Pentair. Nach einer Einführung über die Funktion und den Ablauf der komplexen Crossflow Filtration stellte Michael Lipp das neueste Kind aus dem BMF Produktportfolio vor. Entwickelt wurde es aus dem Wunsch, auch Brauereien mit einem Jahresaustoß unter 100.000 hl diese Technologie wirtschaftlich zu ermöglichen, was bisher nur Großbrauereien vorbehalten war. Mit den standardisierten Skid Bausteinen kann mit dem BMF+Flux Compact S4, automatisiert, der Leistungsbereich von 30-250 hl/h abgedeckt werden. Wird mehr Filterleitung benötigt, wird ein neue Skid parallel eingebunden. Aktuell wurden schon einige diese Anlagen am Markt installiert und weitere werden demnächst in Betrieb gehen. Ermittelte ROI Daten konnte Michael Lipp ebenfalls präsentieren. Anlagen für den Jahresausstoß von 25.000 hl und 100.000 hl ergaben hier ROI Werte von 3,37 und 1,12 Jahren was die Teilnehmer aufhorchen ließ.
Nachdem der erste Vortragstag abgeschlossen war, stellten einige Teilnehmer dem fachkundigen Publikum Ihre mitgebrachten Spezialitäten vor, welche zur Verkostung bereit standen. Der Tag wurde anschließend in gemütlicher Runde im Speisesaal des Brauerinternats mit einem schmackhaften Büfett und leckeren Bieren beschlossen.
Der zweite Tag der Technikertagung startete mit drei Vorträgen zum Thema alkoholfreie Biere. Marcus Jentsch, Institut Romeis Bad Kissingen, gab in seiner Präsentation einen umfassenden Überblick über die vielfältigen Herstellungsverfahren von alkoholfreien Bieren. Aktuell wächst der Markt für alkoholfreie Biere rasant. Laut Jentsch sollte man sich klar sein, welchen Weg man begehen kann, um an das gewünschte Ziel zu kommen. Marcus Jentsch stellte die technischen und biologischen Verfahren mit den Vor- und Nachteilen für den Anwender ausführlich dar.
Ein biologisches Verfahren stellte Peter Frischmann, Vorstandsvorsitzender der Albert Frey AG, in Peter´s „Märchenstunde“ vor. Mittels einer Zauberhefe und spezieller Belüftungseinheit werden so alkoholfreie Biere von zahlreichen Brauereien schon erfolgreich hergestellt. Hier sollte sich jeder im Vorfeld die Frage bei der Auswahl des Verfahrens stellen; wem das Produkt schmecken soll; dem Verbraucher oder dem Braumeister. „Wir, stellen dem Braumeister nur das Klavier in den Keller. Darauf spielen kann er dann selber“ so Frischmann am Ende seines launigen Vortrags.
Bastian Ziegler, Braumeister Hirschbrauerei Heubach, spielt seit kurzen auf seinem „Klavier“ und das mit Erfolg. Ziegler berichtete über die Überlegungen im Hause Hirschbrauerei zugekaufte alkoholfreie Lohnbrauprodukte dank steigender Nachfrage im eigenen Hause herstellen zu wollen. Als Vollsortimenter ist es das Ziel der Brauerei alle Produkte selbst herzustellen und somit auf die Qualität und den Geschmack Zugriff zu haben. Nach langer Überlegung und Abwägung der Verfahren, entschied man sich für das Verfahren aus dem Hause Albert Frey. Eine Implementierung war möglich und auch finanziell umsetzbar. Aktuell wird eine sehr breite Palette von ober- und untergärigen Bieren nebst Biermischgetränken erfolgreich am Markt platziert. Anhand von Bildern aus der Produktion wurde den Teilnehmern Umsetzung und Verfahren erklärt.
Ein Ansatz für ein technisches Verfahren stellte Ralf Scheibner, GEA Wiegand GmbH, vor. Mit dem GAE AromaPlus Verfahren, einer Entalkoholisierung mittels Membran ist GEA nun in der Lage alle gängigen Systeme dem Endkunden anzubieten. Beim vollautomatischen Prozess der AromaPlus Anlage, wird im 1.Schritt über die Membran Wasser und Alkohol kontinuierlich abgetrennt, Geschmacks- und Aromastoffe werden im Bier zurückgehalten. Mit entgastem Brauwasser wird der Alkohol ausgewaschen und zum Schluss wird das Bier mit Wasser oder Bieren aus gestoppter Gärung auf den gewünschten Alkoholgehalt geblendet. Für Interessenten besteht die Möglichkeit auf einer Versuchsanlage in Ettlingen Biere versuchsweise zu entalkoholisieren und das Potential des eigenen Biers in Kombination mit dem AromaPLus Verfahrens zu sehen.
In der darauf folgenden Pause konnten Biere aus allen Verfahren gegeneinander verkostet und diskutiert werden.
Sudhausthemen standen zum Abschluss der Tagung auf der Agenda. Hier stellte Tobias Becher, Ziemann-Holvrieka Ludwigsburg, das neue komplexe Sudhauskonzept Omnium vor. Wer den Ausführungen Bechers folgt stellte fest, dass beim neuen Omnium Konzept viele Bereich der Sudhausarbeit hinterfragt und mit neuem technologisch  Wissen gepaart wurden. Kernstück des Konzepts ist das Läutersystem Nessie, welches in einem Zeitstrahl dargestellt die höchste Zeiteinsparung für den Sudhausprozess darstellt. Gewürzt mit separat isomerisiertem Hopfen aus Janus und einem Malzauszug von Aladin wird dann im Whirlpool, nach der fraktionierten Kochung nachverzuckert, um den Jodwert positiv zu beeinflussen. Ominum zeichnet sich durch eine hohe Flexibilität bei Batchgrößen, verkürzten Prozesszeiten und im Vergleich zu traditioneller Sudhäusern sehr guten Würze- und Bierparametern aus.
Weniger komplex, aber genauso wichtig für die Sudhausarbeit stellt sich die Schrotmühle dar. Hier berichtete Michael Rittenauer, Bühler GmbH Beilngries, über den aktuellen Stand der Schrotherstellung mit der Maltomat III Baureihe mit seinen Besonderheiten. Am Beispiel der Gold-Ochsen Brauerei in Ulm, welche 2018 eine neue Bühler Mühle bekommen hat, wurden Besonderheiten wie der Ex-Schutz oder die Malz Konditionierung genauer betrachtet. Wie dieses Projekt im Hause Gold-Ochsen geplant und umgesetzt wurde berichtete Bernhard Frey. Ziel war es die in die Jahr gekommene „Ersatzschrotmühle“ durch eine neue Mühle zu ersetzen und die bisherige in Betrieb befindliche Mühle zur Erstmühle zur „degradieren“. Wie dies alles in einem älteren Gemäuer stattfinde kann wurden sehr praxisnah von Frey erläutert.
Nach einer kurzen Mittagspause bestand die Möglichkeit mit dem Bus, die neue Schrotmühle in der Brauerei Gold-Ochsen zu besichtigen. Herr Verdi, Technischer Leiter, der Brauerei begrüßte die Teilnehmer im Sudhaus. Bei einem Glas Gold-Ochsen Bier ging es in Grüppchen auf den Malzboden zur neuen Bühler Mühle. Hier bestand dann die Möglichkeit Vorort mit den Referenten Details anzuschauen und gezielt Fragen zur verbauten Technik zu stellen. Herzlichen Dank, auch hier nochmals an das Team der Gold-Ochsen Brauerei, für die Einladung und offenen Informationsaustausch - „Aus der Praxis, für die Praxis“.

Das offizielle Tagungsprogramm endete dann mit einem gemeinsamen Abschluss in einem Landgasthof nahe Ulm mit dem Fazit: “Wir kommen wieder“!

Matthias Maier