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08. Mai 2026 Ralph Barnstein Mecklenburg-Vorpommern
Wenn der Brauer mit dem Mälzer
Brauer und Mälzer. Ein auf den ersten Blick überraschend junger Ausbildungsberuf, welcher sich erst seit den 1930er Jahren im Gewerbeverzeichnis befindet und staatlich anerkannt wurde. Wie kommt‘s, wenn doch schon seit Beginn des Ackerbaus Bier gebraut wird?
Schlägt man alte Braubücher auf, beginnt das Bierbrauen stets mit dem Weichen der Gerste und nicht mit dem Schroten des Malzes, wie in der heutigen Literatur. Den Mälzer gab es früher einfach nicht, da jede Brauerei ihr benötigtes Malz selbst hergestellt hatte. Die Entstehung von spezialisierten Handelsmälzereien beginnt erst mit dem Aufkommen der Eisenbahn, also seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung. Ab dann war es möglich, den Transport von Malz über weite Strecken wirtschaftlich sinnvoll zu bewerkstelligen. Zusammen mit dem Schiffstransport ist das auch der Grund dafür, warum inzwischen in 180 Ländern Bier gebraut wird, aber nur in 50 Ländern Mälzereien existieren.
Wir kümmern uns heute bei unserem Vereinstreffen in Rostock sowohl um Mälzer als auch um Brauer. Und das im Gegensatz zur offiziellen Berufsbezeichnung in der technologisch korrekten Reihenfolge.
Im Rostocker Seehafen ist mit Malteurop seit 1993 ein gewichtiger Akteur auf dem globalen Malzmarkt mit einer komplett neu erbauten Mälzerei ansässig. Seit der Inbetriebnahme ist auch Betriebsleiter Heiko Drechsler dort tätig. Zusammen mit QS-Leiter Heinz Tegethoff heißt er uns am Freitag, den 8. Mai, herzlich willkommen.
Vor dem Erkundungsrundgang des Werkes bekommen wir mittels einer Präsentation die wichtigsten Eckdaten als theoretisches Rüstzeug mit auf den Weg. Die Mälzerei ist Teil der weltweit tätigen französischen Vivescia–Agrargruppe. Getreideanbau und -verarbeitung kennzeichnen das Kerngeschäft von Vivescia. Die Mälzereisparte unter dem Label „Malteurop“ hat eine Kapazität von 2,4 Mio. Tonnen pro Jahr verteilt auf 22 Werke in 14 Ländern auf vier Kontinenten. Demnächst in Deutschland leider nur noch zwei Standorte, da bei der Mälzerei im sächsischen Heidenau nach Leerung der Silos durch Abverkauf die Lichter ausgehen werden. Eine direkte Folge des epochalen Rückgangs auf dem deutschen Biermarkt in den letzten Jahren. Produziert wird ausschließlich Pilsner Malz. Aufgrund des Hafenstandorts kommt die Gerste zu 90% per Schiff aus Schweden, Dänemark und Frankreich. Das fertige Malz verlässt die Silos dann zu 60% wieder über die Kaikante. Die verbleibenden Mengen werden per LKW auf der Straße bewegt.
Tour-Highlight im wahrsten Wortsinn ist der Ausblick vom 70 m hohen Mälzereiturm, welcher vor allem die sechs kreisrunden, übereinander angeordneten Keimkästen beherbergt. Von Norden zeigt sich die Ostsee, westlich ist der Seehafen als größtes Gewerbegebiet des Bundeslandes und die Silhouette Rostocks präsent. Der Blick nach Süden und Osten lässt uns in die Ferne schweifen. Hier ist bis zum Horizont der prägende ländliche Raum Mecklenburgs wie auf einer Landkarte vor uns ausgebreitet. Die zusammenhängenden landwirtschaftlichen Felder ergeben ein flächendeckendes Mosaik in Patchwork-Optik. Derzeit mit vielen leuchtend-gelben Anteilen aufgrund der Rapsblüte. Abschließend noch ein schneller Blick zu den Flutlichtmasten des Ostseestadions. Direkt dahinter liegt mit der Forsthausbrauerei Trotzenburg unsere heutige zweite Station des Vereinstreffens. Google Maps bleibt damit für den heutigen Transfer der 28 Teilnehmer entbehrlich.
Jannis Gulich ist ebenfalls gelernter Brauer und Mälzer, Landesgruppenmitglied, Braumeister in der Forsthausbrauerei und Ein-Mann-Empfangskomitee. Seine Begrüßung ist traditionell-zünftig mit zwei Bieren aus dem vorgekühlten Fass umrahmt. In der Gasthausbrauerei ist jetzt Zeit für Vereinsinformationen, Terminabsprachen, kollegialen Austausch und den Dank der Landesgruppe an die heutigen Gastgeber, bevor das rustikale Buffet für abendliche Stärkung sorgt. Die Vorab-Reservierung für unsere Gruppe erweist sich als goldrichtig, denn die „Trotzenburg“ ist Freitagabend sehr gut besucht. Vom Abwärtstrend des Biermarktes ist hier heute nichts zu spüren. Das Konzept scheint tragbar und das seit fast zweihundert Jahren. Seitdem wird in der ursprünglich als Schutzhütte für Waldarbeiter errichteten Stätte Bier ausgeschenkt und seit 2001 zudem auch selbst gebraut. Das beliebte Ausflugslokal kann durch die Lage neben dem Rostocker Zoo täglich mit Laufkundschaft planen. Stammkunden kommen durch die unmittelbare Nähe des Ostseestadions überwiegend zu den Heimspielen des FC Hansa oder auch vor und nach anderen Veranstaltungen in der Arena. Alles gut planbar, da die Termine langfristig feststehen. Vorteil Trotzenburg. Und gutes Beispiel dafür, dass ein unumkehrbarer Allgemeintrend nicht unbedingt für die Mikroebene gültig sein muss. Leuchttürme mit lokaler Bedeutung werden ihre Existenzberechtigung behalten. Ob in Köln, München, Leipzig oder Rostock.
Größere Marktteilnehmer werden weiter ihre Flexibilität beweisen und Sortimentserweiterungen abseits des klassischen Bieres vornehmen. Cider, Kombucha, Limonaden oder Teezubereitungen sind nur ein kleiner Ausschnitt der technologischen Möglichkeiten beim für Brauereien prädestinierten Verarbeiten von Flüssigkeiten. Aus dem Brauer und Mälzer wird nach hundert Jahren vermutlich eine Agrarrohstoff- und Fermentationsfachkraft werden. Alles fließt.
Frank Lucas
veröffentlicht: 21.07.2026
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